Logobalken der Organisation
Logobalken der Organisation

Kann eine Therapie uneinsichtigen Abhängigen helfen?

Es war ein schöner Tag, als ich letzte Woche auf einer Zugreise durch das Zürcher Oberland mit meiner Abteilnachbarin ins Gespräch kam. Wir sprachen über dies und das und schliesslich erzählte sie mir vom Zweck ihrer Reise.
„Ich habe soeben Stefan, einen Kollegen, mit dem ich gemeinsam eine Weiterbildung mache, im Spital besucht. Schon kurz nach Beginn des Kurses ist uns aufgefallen, dass Stefan locker zwei Liter Bier in einer Stunde trinken konnte. Anfangs der letzten Woche begann Stefan bereits am Vormittag zu schwitzen und seine Hände zitterten stark. Er roch stark nach Alkohol. Schliesslich haben wir uns ein Herz gefasst und eine Delegation bestimmt, die Stefan auf seinen hohen Alkoholkonsum angesprochen hat. Er liess uns richtiggehend abblitzen. Ob wir ihn mit dieser Unterstellung kaputt machen wollten, fragte er uns. Wir waren so enttäuscht über seine Reaktion, dass wir uns von ihm zurückzuziehen begannen. Aber das gelang uns nur beschränkt. Am Donnerstag war er so stark angetrunken, dass er die Vorträge massiv störte. Während der Pause hat er mir gesagt, er habe Blut erbrochen und befürchte, dass er sterben werde.
Als er am darauffolgenden Vormittag unentschuldigt nicht zum Unterricht kam, geriet die ganze Klasse in Aufruhr. Wir riefen ihn an, aber er nahm die Anrufe nicht entgegen. Aus Sorge, dass er sterben könnte, sind ein Kollege und ich zu ihm nach Hause gefahren. Obwohl sein Auto vor dem Haus stand, öffnete er uns die Türe nicht. Als später das Licht in seiner Wohnung anging und er uns noch immer nicht öffnete, haben wir die Polizei eingeschaltet. Keine zwei Stunden später rief die Polizei an und informierte mich, dass sie Stefan bewusstlos in der Wohnung vorgefunden und in den Spital eingewiesen hatte.
Nach einigen Tagen habe ich ihn angerufen und mich zu einem Besuch angemeldet. Nachdem ich ihn nun gesehen habe, frage ich mich, weshalb ich diesen Aufwand überhaupt betrieben habe. Jeder normale Mensch würde nach einem solchen Erlebnis einsehen, dass er Alkoholiker ist. Aber nicht Stefan. Obwohl er wegen des Trinkens ernsthaft krank geworden ist, verleugnet er das Problem noch immer. Er ist empört, dass seine Ärztin, seine geschiedene Frau und sein Arbeitgeber auf eine stationäre Alkoholismus-Therapie drängen. Aber eine Therapie kann doch nichts bringen, wenn er sein Problem nicht einsieht. Das ist doch herausgeworfenes Geld, nicht wahr?“

Ein Sinneswandel kann stattfinden
„Es ist in der Tat nicht gerade eine ideale Ausgangslage“, antwortete ich, obwohl ich keineswegs sicher war, ob meine Gesprächspartnerin eine Antwort erwartete. „Aber dieser Eindruck kann täuschen. Gerade schwer alkoholabhängige Menschen sind oftmals von einem heftigen Suchtdruck bestimmt, der sie beinahe 24 Stunden nicht aus den Klauen lässt und es ihnen verunmöglicht, ihre Situation auch nur einigermassen realistisch wahrzunehmen.“
An dieser Stelle schaltete sich der dritte Fahrgast unseres Abteils ins Gespräch ein: „Als Arzt habe ich immer wieder erlebt, dass auch eine erzwungene Therapie solchen Menschen helfen kann, die Welt endlich wieder einmal mit realistischen Augen zu sehen. Bekanntlich kann Alkohol das Gehirn ganz schön vernebeln. Längerer, regelmässiger Alkoholkonsum von hohen Mengen reduziert die Fähigkeit, das eigene Leben richtig einzuschätzen. Eine Abstinenzphase kann den Betroffenen wieder ganz neue Perspektiven eröffnen. Deshalb lohnt sich ein Versuch auf jeden Fall. Und so gesehen, hat Ihr Handeln Stefan eine neue Chance eröffnet.“
Von dieser Auskunft etwas ermutigt, verabschiedete sich unsere Reisegefährtin bei der nächsten Haltestelle. „Dann war der ganze Aufwand und Psychostress von mir und meinen Klassenkameraden vielleicht doch nicht sinnlos.“
Glücklicherweise verlaufen nicht alle vergleichbaren Situationen so dramatisch. Aber auch weniger turbulente Verhältnisse sind für die Betroffenen und ihre Umgebung meist sehr belastend. Falls Sie mit einer ähnlichen Lage konfrontiert sind und Fragen dazu haben, freuen wir uns auf Ihren Anruf.
Regina Burri,LT Mai 2004
Stellenleiterin, Suchtberatung Bezirk Dietikon, Fachstelle des Sozialdienstes Limmattal, Zürcherstrasse 126, 8953 Dietikon, Telefon: 01 741 56 56, E-Mail:sbdietikon@bluewin.ch


Regina Burri, LT06.05.2004


- zurück


zur Startseitezur Startseitezur Suchseitezu den Linkszur Aktuell Seitezu den Downloads
http://www.sozialdienst-limmattal.ch/page_4_9_c