Logobalken der Organisation
Logobalken der Organisation

Alkohol kann für Migrantinnen doppelt gefährlich sein

Die Schweiz ist Gastland für Menschen aus den verschiedensten Nationen. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Zivilisationen zu uns. Hier sind sie teilweise mit einer Kultur konfrontiert, die ihnen völlig fremd ist und die sie oftmals nur schlecht verstehen. Und so versuchen sie, mit unserer Kultur und ihren ungeschriebenen Regeln zurecht zu kommen.

Bei manchen dieser Nationen ist Alkohol gänzlich unbekannt, bei manchen ist der Konsum alkoholischer Getränke untersagt. Ganz anders bei uns. Hier ist der Alkoholkonsum erlaubt und z.B. an Partys sogar erwünscht. Auch der Verbrauch von Beruhigungs- und Schmerzmitteln ist bei uns hoch: Die Schweizer Bevölkerung gibt vier Milliarden Franken für Medikamente aus und ist auch beim pro Kopf Verkauf von alkoholischen Getränken unter den ersten Zehn der Welt. Der Konsum von Genussmitteln und Medikamenten ist bei uns kulturell verankert. Gemessen an der Konsumhäufigkeit, bekommt nur ein kleiner Prozentsatz Probleme damit. Oft sind das Leute, die mit diversen Problemen belastet sind, z.B. einen Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Trennung verkraften müssen.

Bei Migrantinnen und Migranten aus fremden Kulturen, ist die Belastung noch verstärkt. Sie möchten ihre Traditionen nach Aussen wahren. Familien, bei denen Alkohol in ihrem Heimatland verboten ist, versuchen den Anschein zu wahren, dass Alkoholkonsum in ihrer Familie nicht vorkommt. In Tat und Wahrheit verlassen die Familienmitglieder aber die engen Grenzen ihrer Traditionen und bewegen sich in unserer freiheitlichen Umgebung, auf die sie nicht vorbereitet sind. So leben sie in einem Spannungsfeld zwischen ihrer und unserer Tradition, das nicht auflösbar scheint und eine eigene Suchtgefährdung beinhaltet.

So begann für den Vater einer 6-köpfigen Familie der Abbau seiner Autorität, als er von der Polizei mit 0,9 Promillen Alkohol im Blut beim Auto fahren erwischt wurde. Da Fahren in angetrunkenem Zustand (FiaZ) in der Schweiz ein Delikt ist, musste er seinen Führerausweis abgeben. Das blieb natürlich auch seiner Familie nicht verborgen. Es war für alle sichtbar, dass er seine Heimat-Tradition „Alkohol ist tabu“ gebrochen hatte. Und das, obwohl er seiner Familie gegenüber beteuert hatte, dass er überhaupt keinen Alkohol trinke. Es blieb ihm keine Möglichkeit mehr, sich innerhalb seiner Familie zu rechtfertigen. Die mühsam aufrechterhaltene Vorbildfunktion seinen Kindern gegenüber war zerstört. Mehr noch: Der Vater geriet zwischen die Fronten seiner eigenen Tradition und der schweizerischen Kultur. Einerseits hätte er nicht alkoholisiert Auto fahren dürfen - so verlangt es das schweizerische Recht. Andererseits hätte er überhaupt keinen Alkohol trinken dürfen – so will es die fremde Tradition.

An diesem Beispiel zeigt sich das kulturell bedingte, zusätzliches Spannungsfeld, in das Migrantinnen und Migranten aus fremden Kulturen geraten können. Es braucht eine sorgfältige Begleitung im Umgang mit den Familientraditionen und eine fundierte Aufklärung über unsere Vorstellungen in Bezug auf den Umgang mit Alkohol. Einerseits müssen wir den Familien Zeit lassen, damit sie ihre Tabus selbst auflösen können, aber andererseits drückt das Gesetz. In der Beratung ist es überaus wichtig, all diesen Zusammenhängen Rechnung zu tragen.

Bea Capaul, Limmattaler Tagblatt (Juni 2005)


- zurück


zur Startseitezur Startseitezur Suchseitezu den Linkszur Aktuell Seitezu den Downloads
http://www.sozialdienst-limmattal.ch/page_4_2_b