Logobalken der Organisation
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„Schau zu dir und nicht zu tief ins Glas“

Andreas machte sich Sorgen um seine Schwester. Doris war einige Jahre partnerlos gewesen, als sie ihren jetzigen Freund kennen lernte. Bei beiden war es Liebe auf den ersten Blick und in den folgenden Wochen steckten sie jede freie Minute zusammen. Doris war es pudelwohl und sie hätte die Beziehung gerne noch länger so weiter geführt. Verständlicherweise freute sie sich aber sehr, als Bernd ihr zwei Monate später den Vorschlag machte, zu ihm zu ziehen und sie gleichzeitig für die Führung des Sekretariats seiner kleinen Firma einzustellen. Allerdings wäre sie lieber am alten Ort wohnen geblieben und auch ihre Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie nie an Wechsel gedacht hatte. Sie teilte ihm ihre Überlegungen mit, weil aber ihr Selbstwertgefühl eher schwach war, gab sie sofort nach, als Bernd ihr beteuerte, wie schön es für ihn wäre, sie rund um die Uhr bei sich zu haben.

So kündete Doris ihre Stelle und zog zu Bernd. Doch Bernds Einschätzung, dass es ihr gut gefallen werde, traf nicht ein. Doris hatte keinen Einblick in die finanziellen Verhältnisse der Firma, musste jedoch Gläubiger vertrösten und überreden, nochmals Ware zu schicken. Privat war Bernd meist angespannt und nervös. Nur bei ihren Sonntagsausflügen stellte sich die alte Harmonie wieder ein. Doch diese Inseln des Friedens reichten ihr auf die Dauer nicht aus. Sie wurde immer unzufriedener. Sie fragte sich aber nicht, ob ihr diese Form der Beziehung schadete, sondern begann, an sich selber zu zweifeln. Alle ihre Freundinnen beneideten sie doch um Bernd. Hatte sie also nicht den Himmel auf Erden gefunden, liebte Bernd sie nicht über alles? Würde nicht jede andere Frau die Schwierigkeiten spielend bewältigen? Warum also war sie unzufrieden? Jedes Mal, wenn sie sich diese Fragen stellte, kam sie zum selben Schluss: Mit ihr stimmte etwas nicht. Und sie forderte sich immer wieder auf, endlich glücklich zu sein. Das Selbstwertgefühl nahm weiter ab.

Doris wurde aber nicht zufriedener, im Gegenteil. Plötzlich erwachte sie Nachts regelmässig um 2.00 Uhr und konnte lange nicht mehr einschlafen. Am Morgen fühlte sie sich völlig zerschlagen und verrichtete ihre Arbeit lustlos und schleppend. Weil sie ihre Leistungsfähigkeit bewahren wollte, liess sie sich Schlafmittel verordnen. Danach konnte sie endlich wieder schlafen und war am Morgen ausgeruht und stark. Als die Schlafmittel nach etwa einem Monat ausgingen, kehrte die Schlaflosigkeit zurück. Und weil sich auch die restliche Situation nicht verbessert hatte, liess sie sich wiederum Schlafmittel verordnen. Nach und nach gewöhnte sie sich daran. Wenn die Wirkung nachliess, steigerte sie die Menge und wenn das auch nichts mehr nützte, wechselte sie das Mittel. Es kostete sie einige Mühe, um zu den gewünschten Verschreibungen zu kommen. Neben den ursprünglichen Sorgen hatte sie nun auch noch ein Problem mit Schlafmitteln.

Beim letzten Spielabend erzählte uns Andreas, dass er einige Male mit Doris über seine Sorgen gesprochen und ihr Adressen für eine professionelle Begleitung gegeben hatte. Doris hatte nach und nach gemerkt, dass sie mit den Schlafmitteln das Hauptproblem – dass ihr Selbstwertgefühl so schlecht war, dass sie ihre Gefühle den Wünschen anderer unterordnete - nur überdeckte. Sie wusste, dass sie einen weiten Weg vor sich hatte, um dieses Problem zu lösen und dass sie dabei auch die Schlafmittel absetzen musste. Der erste Schritt war getan!

Die Fähigkeit, sich einzufühlen, gefühlsmässige Reaktionen von anderen deuten und darauf reagieren zu können, ist zweifellos eine grossartige menschliche Fähigkeit. Beziehungen, die auf solchen Eigenschaften basieren, vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit und Identität. Sie sind eine Grundlage, um mit den Härten des Lebens besser fertig zu werden.

Von dieser wertvollen Beziehungsvariante ist es aber leider nur ein kleiner Schritt bis zur Selbstschädigung. Nämlich wenn jemand gelernt hat, die Wünsche anderer sehr viel wichtiger zu nehmen als die eigenen. Wenn sich diese Person mehr für die Verwirklichung der Bedürfnisse anderer einsetzt als für die eigenen, besteht die Gefahr, dass sie sich selber abhanden zu kommt. Oftmals nimmt dann auch die Suchtgefährdung zu.

Haben Sie Fragen oder Bemerkungen? Wir freuen uns über ihren Anruf.

Regina Burri, LT 08.2005


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